RETREAT

22. Juni 2021, Stella Hiesmayr

Hauptwort: 1. Rückzug, 2. Zufluchtsort / Verb: 1. Sich zurückziehen 2. zurückweichen

Ursprünglich beschreibt das Wort Retreat das Zurückziehen einer Armee von einem übermächtigen Feind. Später wird das Wort benutzt als Zurückweichen vor Gefahr. In der weiteren Entwicklung der Bedeutung dieses Wortes kommt diese Definition hinzu: ein privater und sicherer Platz, sowie: ein Zeitraum, der dem Gebet, dem Studieren und Denken abseits den alltäglichen Verpflichtungen und Aktivitäten gewidmet ist. Schlussendlich kommt noch die Bedeutung des Veränderns von bisherigem Glauben und Verhalten hinzu.

In unserer hektischen Welt – mit niemals endenden To-Do Listen,

in dauerhafter Veränderung, mangelnder Beständigkeit,

der Überflutung durch Information, sodass unklar wird was richtig oder falsch ist –

gerät die menschliche Seele in Wirrnis.

Wir tun, um zu tun, und wissen nicht mehr, warum.

Gefährlich ist dieser Zustand – es ist Zeit, sich davor zurückzuziehen!

Daran erkenne ich, dass es Zeit für ein Retreat ist:

  • Ich fühle mich schon seit längerer Zeit ängstlich und unsicher.
    • Hier kann ein Zufluchtsort helfen
  • Ich habe das Gefühl, ich kämpfe gegen Windmühlen – egal was ich tue, es ist nie genug.
    • Bist du mit einem übermächtigen Feind konfrontiert – ist es Zeit, zu resignieren (die einmal gegebene Unterschrift zurücknehmen)?
  • Ich beschäftige mich öfter mit der Frage “Ist das alles im Leben, oder gibt es noch mehr für mich?“
    • Nimm dir Zeit, um darüber zu kontemplieren.
  • Ich weiß, dass ich mich total verrannt habe, ich muss aus diesem ungesunden Verhalten aussteigen.
    • Brich mit dem was war, weiche weit genug zurück – um neu beginnen zu können.

Kloster und Natur: die klassischen Orte für Retreats

Die klassischen Retreats finden oft an wunderschönen Plätzen in der Natur statt. Die Natur dient vielen als Zufluchtsort. Sie lebt in einem stillen Einverständnis mit den Dingen der Welt. Sie drängt nicht über ihre Zeit hinaus, noch verschläft sie den richtigen Moment. Sie ist immer da – völlig präsent – im gegenwärtigen Augenblick. In gleichmütiger Selbstverständlichkeit entledigt sie sich dem, was zu Ballast wurde. Sie lässt gehen, was gehen zu lassen ist, und sie nimmt sich, was sie braucht. Oft wurden Klöster an ganz besonders schönen Orten in der Natur errichtet. Das Kloster ist ein beliebter Platz, um sich vom Trubel der Welt zurückzuziehen.

Go placidly amid the noise and the haste, and remember what peace there may be in silence.


St. Pauls Church, Baltimore, 1692 a.D.

Moderne Retreats sind eine Mischung aus Urlaub, Naturerlebnissen, spirituellen Erfahrungen, Zeit für Reflexion und Kontemplation sowie das Erlernen von neuen Methoden, um das gewünschte Leben zu Leben.

Tipps für die Stadtschamanin: Retreats mitten im Stadtdschungel?

Wenn du in der Stadt lebst und die nächste Urlaubsmöglichkeit noch weit entfernt ist, du aber trotzdem schon am Limit deiner Kräfte bist, ist es Zeit für eine Pause – einen mini Retreat. Wir erinnern an die Merkmale des Retreats: zurückweichen, Zuflucht finden, Gebet und Nachdenken. Das kann ich auch in mini Sequenzen jeden Tag machen.

  • Ich weiche zurück, indem ich:
    • bewusst am Abend mein Handy abdrehe mit dem inneren Satz „Genug für heute.“
    • wenn ich meinen Computer runterfahre, denke ich „Alles was ich heute erledigen konnte, habe ich heute erledigt.“
    • mich nicht mit Dingen beschäftige – auch nicht geistig – die ich nicht verändern kann.
  • Ich finde Zuflucht, indem ich:
    • mich einmal am Tag an einen schönen Ort setzte (z.B. auf eine Bank am Weg zu meiner Arbeit) und nur auf Sinneseindrücke achte:
      • den Wind auf der Haut
      • die Sonne im Gesicht
      • das Grün der Blätter am Baum
      • die Stadtgeräusche um mich herum
      • den Duft in meiner Nase
    • mir selbst etwas Schönes zum Essen koche, eine Kerze anzünde und eventuell eine Blume auf den Tisch stelle.
    • mich an all die Dinge im Leben erinnere, die, genauso wie sie sind, in Ordnung sind.
  • Ich denke und bete abseits der täglichen Verpflichtungen und Aktivitäten, indem ich:
    • mir Fragen stelle, die nicht unmittelbar mit der Erledigung von To-Dos zu tun haben, z.B.
      • Worüber in meinem Leben bin ich dankbar?
      • Wovon träume ich? Was wünsche ich mir?
      • Mit welchen Menschen habe ich es immer lustig?
      • Wovon will ich mehr in meinem Leben?
      • Was ist genauso gut, wie es ist?
      • Was soll in meinem Leben weniger werden?
      • Was soll aus meinem Leben verschwinden?
    • Wenn ich Antworten gefunden habe, die den Sehnsüchten meines Herzens entsprechen, kann ich ein Gebet sprechen, das religionsübergreifend wirksam ist, z.B.:

„Ich öffne mich für die vielen Möglichkeiten, mehr Freude in mein Leben zu lassen. Wenn es da draußen Hilfe für mich gibt, nehme ich sie jetzt an, um die Herausforderungen meines Alltags gut meistern zu können. Ich lasse alles los, was für mich und mein Leben nicht mehr gesund ist. Ich bin dankbar für alle Unterstützung, die ich bekomme.“

Übrigens: wenn ich einen der vielen Tipps aus diesem Blog in meinen Alltag integriere, erfülle ich die letzte Bedeutung des Wortes Retreat: die Veränderung von bisherigem Glauben und Verhalten.

Viel Glück dabei*